Leitbild LASSALLE

Sozialdemokratie in Polen und Deutschland

Ferdinand Lassalle (1825 – 1864) ist eine der zentralen Gründungspersönlichkeiten der europäischen Arbeiterbewegung. Er entwickelt Antworten auf die „soziale Frage“, die sich in Form von Ausbeutung und Verelendung im Zuge der Industrialisierung stellt. Er plädiert dafür, dass Staat und Unternehmer sich ihrer Verantwortung für das Gemeinwohl bewusst werden und durch Reformen für einen Ausgleich der sozialen Gegensätze eintreten. Anders als Karl Marx und Friedrich Engels will Lassalle nicht den Staat als Instrument der „herrschenden Klasse“ durch Revolution überwinden. Vielmehr soll der Staat auf dem Weg in eine genossenschaftliche und demokratisierte Gesellschaft unterstützend wirken. Mit der Gründung des „Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins“ (ADAV) bringt er 1863 Gleichgesinnte in einer Organisation zusammen, die eine der Wurzeln der Sozial demokratischen Partei Deutschlands (SPD) wird. An den Werten und programmatischen Vor stellungen der SPD orientiert sich auch die Arbeiterbewegung in Polen.

Diese Ausstellung will die Wege beider sozialdemokratischen Bewegungen seit Mitte des 19. Jahrhunderts nachzeichnen. Gegensätze und Gemeinsamkeiten werden dabei ausgelotet, Lassalle fungiert als Leitbild für die Entwicklungsgeschichte beider Sozialdemokratien.

Ferdinand Lassalle, Stahlstich 1914

Archiv der sozialen Demokratie (AdsD), Bonn

Polen: Nation ohne Staat

Breite Straße in Posen, um 1900

Das Vorurteil, Polen seien unfähig, eine Gesellschaft zu organisieren, dient der preußischen Verwaltung als Rechtfertigung ihrer Besetzung. Heute hingegen gilt die „polnische Wirtschaft“ als ein Vorzeigemodell in Osteuropa.

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Johannes Esaias, Allegorie auf die 1772 erfolgte Teilung Polens, 1773.

bpk / SMB / Volker-H. Schneider

Ende des 18. Jahrhunderts teilen Russland, Österreich und Preußen Polen in mehreren Schritten zwischen sich auf. Der nord-westli che Teil fällt mit dem Ermland, Westpreußen und Posen an Preußen. Österreich annektiert die südlichen Regionen. Nach einem Aufstand 1863 wird das bis dahin scheinautonome Kongresspolen dem Zarenreich gänzlich einverleibt.

Unter dem Einfl uss der revolutionären Bewegungen von 1830 in Frankreich und 1848 in ganz Europa formiert sich eine polnische Nationalbewegung. Sie kämpft in einem Aufstand 1863 in Kongresspolen vergeblich für einen unabhängigen Staat. Auch Teile der Arbeiterschaft sind daran beteiligt. Aus der Bewegung gehen spätere Führungspersönlichkeiten der polnischen Arbeiter bewegung hervor. Auch deutsche Sozialdemokraten treten schon früh für die staatliche Wiederherstellung eines demokratischen Polens ein.

Flugblatt des deutschen Arbeiter-Bildungsvereins in London, 1863

Für die deutschen Sozialdemokraten ist das Schicksal Polens eng mit dem Deutschlands verbunden: Ohne ein unabhängiges Polen, kein unabhängiges und einiges Deutschland“.

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Fahne des Aufstands, 1831

Dieser Aufstand im russischen Teil ist die aussichtsreichste Hoffnung auf Unabhängigkeit für den gesamten Zeitraum der Teilung.

Muzeum Wojska Polskiego, Warschau

Ergebnis der drei Teilungen Polens bis 1914

Im Zuge der Neuordnung Europas wird auf dem Wiener Kongress 1815 die Teilung Polens bekräftigt.

Sylvia Hipp, Leipzig, Thomasz Torbus, Breslau

Industrielle Revolution und soziale Frage

Es bilden sich industrielle Ballungszentren: In Galizien dominiert die entstehende Ölindustrie, im östlichen Polen die Industrialisierung mit Bergbau und Schwerindustrie. Damit wird Kongresspolen zum Vorreiter für das ganze Zarenreich. In Schlesien entwickelt sich in der alten Textilregion ebenfalls eine Monta nindustrie. Durch die industrialisierte Konkurrenz in Großbritan nien und Deutschland gerät die in Heimarbeit existierende Textilproduktion unter Druck. Die Not führt schließlich zum Weberaufstand von 1844.

Die entstehende Industrie bringt eine Verstädterung mit sich. Wer keine Arbeit in der Industrie fi ndet, wird zum Saisonarbeiter. Ausbeutung, Hungerlöhne und schwierige Arbeitsbedingungen führen jedoch nur in den industrialisierten Städten zu einer sich organisierenden Arbeiterschaft. Erste Industriestreiks fi nden 1871/72 in Posen statt.

Arbeiter der Donnersmarckhütte in Zabrze /Oberschlesien, um 1900

Oberschlesien entwickelt sich im 19. Jahrhundert zu einem industriellen Zentrum des Deutschen Reiches. akg-images

Polnische Saisonarbeiter, 1908

Viele arbeitslose polnische Landbewohner, die in der Industrie keine Beschäftigung fi nden, verdingen sich andernorts als Saisonhelfer oder migrieren ab den 1890er Jahren in weiter entfernte Industrieregionen wie das Ruhrgebiet. I. Desnica

Käthe Kollwitz, „Ein Weberzug“, Radierung 1897

Das Aufbegehren der Weber gegen menschenunwürdige Lebens- und Arbeitsbedingungen wird vom preußischen Militär blutig niedergeschlagen. Ullstein Bild / Käthe Kollwitz-Museum

Nach der Niederschlagung der Pariser Kommune, 1871

Nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1871 kommt es zu einem Aufstand der Pariser Bevölkerung, der in die Wahl des Kommune- Rats mündet. Französische Regierungstruppen beenden die Pariser Kommune, die weitgehende politische und soziale Reformen verabschiedet, im Mai 1871 mit einem Blutbad. AdsD

Jarosław Dąbrowski, 1871

Jaroslaw Dąbrowski (1836 – 1871), Offi zier der russischen Armee, ist einer der Führer der polnischen Unabhängigkeitsbewegung der 1860er Jahre. Zu 15 Jahren Verbannung verurteilt, kann er 1864 fl iehen und geht nach Paris. Während der Pariser Kommune fällt er, mittlerweile Oberbefehlshaber der Kommune-Streitkräfte, im Barrikadenkampf. AdsD

Ludwik Waryński, vor 1889

Ludwik Waryński (1856 – 1889) gründet 1876 die erste sozialistische Zeitung in Kongresspolen, was zu seiner Ausweisung führt. Nach seiner Rückkehr aus dem Exil gründet er 1882 in Warschau die erste Arbeiterpartei Polens, das „Proletariat“. The Museum of Independence / East News

Der junge Ferdinand Lassalle

Das Geburtshaus in Breslau, Aufnahme um 1900

Ferdinand Lassalle wird hier als zweites Kind des jüdischen Tuchhändlers Heyman Lassal und dessen Frau Rosalie geboren.

Rechteinhaber nicht ermittelbar

Sophie von Hatzfeldt, 1855

1845 lernt Lassalle Sophie von Hatzfeldt (1805 – 1881) kennen. Sie macht ihn zum Generalbevollmächtigten in ihrem erbittert geführten Scheidungsprozess, der auch in der Presse großen Widerhall fi ndet. Nach Lassalles Tod sieht sie sich als Sachwalterin seines politischen Erbes. FES Bibliothek

Ferdinand Lassalle, Stich aus „Illustrirte Zeitung“, Leipzig 1848

Nach einem Paris-Aufenthalt 1846 ändert Ferdinand Lassal seinen Namen in Lassalle – nicht zuletzt wegen seiner Ver ehrung für die Französische Revolution.

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Am 11. April 1825 wird Ferdinand Lassalle in Breslau geboren. Nach Besuch von Gymnasium und Handelsschule studiert er von 1843 bis 1846 in Breslau und Berlin u.a. Geschichte und Philosophie. Beeinfl usst vom Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel, den Schriftstellern Ludwig Börne und Heinrich Heine sowie utopischen Sozialisten wie Wilhelm Weitling und Moses Hess publiziert er ab Mitte der 1840er Jahre politische, belle tris - tische und historische Schriften.

In der Revolution von 1848 tritt Lassalle für Demokratisierung und die Hebung der sozialen Lage des Arbeiterstandes ein. Im Rahmen der revolutionären Entwicklungen kommt es zu ersten Kontakten und Diskussionen mit den Herausgebern der „Neuen Rheinischen Zeitung“, Karl Marx und Friedrich Engels. Ende 1848 wird er wegen „Aufreizung der Bürger gegen die königliche Gewalt“ für sechs Monate in Untersuchungshaft genommen. Der anschließende Prozess endet zwar mit einem Freispruch, es folgen allerdings weitere Inhaftierungen.

Universität Breslau

Ansicht von der Oder aus, Postkarte, um 1850. AdsD

Ich aber, meine Herren, werde Ihnen stets mit Freuden bekennen, dass ich meiner inneren Überzeugung nach auf durchaus revolutionärem Standpunkt stehe, dass ich meiner inneren Überzeugung nach ein entschiedener Anhänger der sozialen demokratischen Republik zu sein die Ehre habe.

Ferdynand Lassalle, Meine Assisen-Rede (Rede vor dem Geschworenengericht), 3 Mai 1849

Lassalle, Marx und Engels

Kommunistisches Manifest, 1848

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Arbeiterprogramm, Zürich 1863

FES Bibliothek, Bonn / AdsD

Textilarbeiter bei der Bleiche

Im Bergischen Land um Wuppertal fi ndet Lassalle seine größte Anhängerschaft. Er hält in der Textilregion schon 1862 Reden vor vielen Tausend Zuhörern. Rechteinhaber nicht ermittelbar.

Karl Marx, 1861

Marx (1818 – 1883) und Engels legen für den Bund der Kommunisten Anfang 1848 mit dem „Kummunistischen Manifest“ eine Programmschrift vor, die in einer mitreißenden Sprache die Fortschritte und Leistungen des Kapitalismus schildert, aber auch drastisch dessen Widersprüche und Schwächen anprangert. AdsD

Ferdinand Lassalle, Karl Marx und Friedrich Engels, beeinfl usst von der Französischen Revolution, setzen gleichermaßen ihre Hoffnungen in die europäische Revolution von 1848, an der sie sich beteiligen. Sie entwickeln aber zunehmend unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie die sozialen Probleme und Gegensätze gelöst werden können. Marx und Engels wollen durch Revolution den Staat als Mittel der herrschenden Klasse beseitigen, um eine kommunistische Gesellschaft zu erreichen, in der die Produktionsmittel gleich verteilt sind. Lassalle setzt dagegen auf den Staat als Rahmen für soziale Reformen und fordert die Einführung von Mindestlohn, Bildungs- und Aufstiegschancen, umfassende allgemeine Hilfeleistungen füreinander sowie die Teilhabe für alle. Im Gegensatz zu Marx beschränkt sich Lassalle weniger auf das Industrieproletariat, sondern bezieht alle ärmeren Gesellschaftsschichten in seinen Arbeiterbegriff mit ein. Neben Arbeitern zählt er vor allem Handwerker und kleine Beamte dazu.

Aber hier bei der Herrschaft des vierten Standes fi ndet sofort der immense Unterschied statt, dass der vierte Stand der letzte und äußerste, der enterbte Stand der Gesellschaft ist, welcher keine ausschließende Bedingung […] aufstellen kann, die er als ein neues Privilegium gestalten und durch die Einrichtungen der Gesellschaft hindurchführen könnte.

Arbeiter sind wir alle, insofern wir nur eben den Willen haben, uns in irgendeiner Weise der menschlichen Gesellschaft nützlich zu machen.

Dieser vierte Stand, in dessen Herzfalten daher kein Keim einer neuen Bevorrechtung mehr enthalten ist, ist eben deshalb gleichbedeutend mit dem ganzen Menschengeschlecht. Seine Sache ist daher in Wahrheit die Sache der gesamten Menschheit, seine Freiheit ist die Freiheit der Menschheit selbst, seine Herrschaft ist die Herrschaft aller.

Ferdinand Lassalle, Arbeiterprogramm, Zürich 1863

Sachliche, aber auch persönliche Differenzen verschlechtern das Verhältnis zwischen Marx und Lassalle zusehends. Es wird frostig, als Lassalle nach eigenen Vorstellungen die Arbeiterschaft zu organisieren beginnt und dadurch in Konkurrenz zu Marx gerät.

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Ferdinand Lassalle und der ADAV

Der Vorstand des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, 1863

Stadgeschichtliches Museum Leipzig

Lassalle lebt seit 1858 in Berlin. Im Konfl ikt zwischen preußischem Parlament und König tritt er für eine Stärkung der Volksvertretung ein. Im Angesicht der konservativen Beharrungskräfte in Preußen entwickelt er 1862 das „Arbeiterprogramm“, welches auch in Polen viele Anhänger fi ndet.

Mindestlöhne, sozialer Ausgleich, die Beteiligung von Arbeitnehmern am Unternehmensertrag, gute Bildung und Aufstiegschancen für alle sind ihm wichtig. Zentral ist für ihn das gleiche und geheime Wahlrecht (für Männer).

Durch dieses Programm auf ihn aufmerksam geworden, wenden sich Arbeiter aus Leipzig 1863 an ihn mit der Bitte um Rat. Mit seinem „Offenen Antwortschreiben“ bietet er die programmatische Grundlage zur Gründung einer Arbeiterpartei. Am 23. Mai 1863 entsteht in Leipzig der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (ADAV), zu dessen Präsident Lassalle gewählt wird. Jenseits von Arbeiterzirkeln oder Liberalen vermag diese erste Partei der Arbeiterschaft, deren Interessen zu bündeln und zu repräsentieren.

Statut des ADAV, 1863

Laut seinem Statut verfolgt der ADAV den Zweck, „auf friedlichem und legalem Wege [...] für die Herstellung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts zu wirken“.

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Protokollbuch des ADAV, Augsburg 1864

1864 fi nden sich in Augsburg wie auch an anderen Orten Arbeiter zusammen, um Filialen des ADAV zu bilden.

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Der Arbeiterstand muss sich als selbstständige politische Partei konstituieren und das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht zu dem prinzipiellen Losungswort und Banner dieser Partei machen. Die Vertretung des Arbeiterstandes in den gesetzgebenden Körpern Deutschlands – dies ist es allein, was in politischer Hinsicht seine legitimen Interessen befriedigen kann.

Ferdynand Lassalle, Offenes Antwortschreiben an das Zentralkomitee zur Berufung eines Allgemeinen Deutschen Arbeiter-Kongresses zu Leipzig, 1863.

Charisma und Organisation

Lassalles Erwartung, Hunderttausende von Arbeitern hinter den Fahnen des ADAV scharen zu können, erfüllt sich nicht. Die Mitgliederzahl des ADAV überschreitet zu keinem Zeitpunkt 4.600 Personen.

Lassalles Wirkung geht jedoch weit über den ADAV hinaus. Der Gedanke, staatlich fi nanzier te Produktionsgenossenschaften in allen Wirtschaftszweigen zu etablieren, die Forderungen, die Löhne über das Existenzminimum zu heben sowie eine Beteiligung der Arbeitnehmer am Unternehmensprofi t zu garantieren, mobilisiert die Arbeiterschaft in vielen Regionen Deutschlands. Der plötzliche Tod Lassalles löst einen idealisierenden Kult um Person und Werk aus.

Ferdinand Lassalle auf dem Totenbett, Holzschnitt 1864

Die Liebesaffäre mit der rund 20 Jahre jüngeren Helene von Dönniges treibt Lassalle in ein Duell, das für ihn tödlich endet. Er stirbt am 31. August 1864 in der Nähe von Genf an den Folgen seiner Verwundung.

Bibliothek der FES
Lassalle mag sonst gewesen sein, persönlich, literarisch, wissenschaftlich, wer er war, aber politisch war er sicher einer der bedeutendsten Kerle in Deutschland. Er war uns gegenwärtig ein unsicherer Freund, zukünftig ein ziemlich sicherer Feind, aber einerlei, es trifft einen doch hart […]. Welcher Jubel wird unter den Fabrikanten und unter den Fortschrittsschweinhunden herrschen, Lassalle war doch der einzige Kerl in Deutschland selbst, vor dem sie Angst hatten.

Friedrich Engels in einem Brief an Karl Marx, 4. September 1864.

Friedrich Engels, 1862

Friedrich Engels (1820 – 1895) entwickelt zusammen mit seinem Freund Karl Marx eine kritische Gesellschaftsanalyse, die die Ausbeutung der Arbeiterschaft aufheben soll. AdsD

Ferdinand Lassalle, 1863

machten. Er hält sich aufgrund seiner wissenschaftlichen Erkenntnis und Einsicht in den Gang der Geschichte für die geeignete Persönlichkeit, die Interessen des Volkes in dessen Namen durchzusetzen. Für ihn ist es eine „Diktatur der Einsicht“ der Geführten. bpk

Traditionsfahne der Sozialdemokratie, 1873

Diese Fahne bezeugt eindringlich wie kaum ein anderes historisches Artefakt das Traditionsbewusstsein der SPD. So entspann sich darum die Legende, die Fahne sei einmal das Leichentuch Lassalles gewesen. Tatsachlich schützten Sozialdemokraten ihr „Sozialistenbanner“ selbst während „Sozialistengesetz“ und nationalsozialistischer Verfolgung unter Gefahr von Leib und Leben.

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Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein, Einladung zu einer Veranstaltung in Breslau, Juni 1873

Zum zehnjährigen Jubiläum des ADAV wird am Geburtsort Lassalles die Fahne eingeweiht, die später zur Traditionsfahne der SPD werden soll.

Rechteinhaber nicht ermittelbar